Schweizer Lebendspender-Gesundheitsregister SOL-DHR/SNO
Swiss Organ Living-Donor Health Registry SOL-DHR/SNO

PROFESSOR DR. MED. GILBERT T. THIEL (1934-2012)

Gil Thiel war ein Vordenker der Transplantationsmedizin und Pionier der Nierentransplantation und Nierenlebendspende in der Schweiz.

Im Jahr 1968 wurde er an das damalige Bürgerspital Basel berufen, um ein Programm für Nierentransplantation aufzubauen. Er begann zusammen mit seinem chirurgischen Partner Florian Enderlin in Basel mit der Nieren-
transplantation. Das Fachwissen erlernte er in Boston von John P. Merrill, der die treibende Kraft hinter den weltweit ersten Nierentransplantationen war. Er leitete 1954 das Team, das die erste erfolgreiche Nierentransplantation durchführte.

Gil Thiel wurde im Jahr 1969 Leiter der Abteilung Organtransplantation am Universitätsspital Basel und war von 1985 bis zu seiner Emeritierung 1999 Leiter der Abteilung für Nephrologie.

Unter Gil Thiels Leitung wurde Basel rasch zu einem national und international führenden Zentrum der Nierentransplantation. Er hat die Transplantationslandschaft in Europa entscheidend geprägt. Unter seiner Leitung erfolgte die weltweit erste Transplantation bei einem Diabetiker, die ersten Cyclosporinbehandlungen, die erste nicht Verwandtenlebendspende und die erste Crossover-Transplantation im deutschsprachigen Raum. Er forschte nicht nur in der Transplantationsmedizin, sondern auf dem gesamten Gebiet der Nephrologie insbesondere der akuten Niereninsuffizienz.

In den 90er Jahren stieg der Anteil der Nierenlebendspende Transplantationen. Damit wuchs die Verantwortung der Transplantationszentren gegenüber den Spendern. Gil Thiel überzeugte die anderen fünf Schweizer Transplantationszentren von der Notwendigkeit einer lebenslangen Gesundheitskontrolle der Nierenlebendspender und der Erfassung der Kurz- und Langzeitrisiken in einem Gesundheitsregister.

Im April 1993 gründete Gil Thiel das Schweizer Lebendspender-Gesundheitsregister SOL-DHR (Swiss Organ Living-Donor Health Registry) zum Schutz der Gesundheit aller Lebendspender, die in der Schweiz eine Niere gespendet hatten. Es ist das erste Lebendspenderregister weltweit.

Im Lebendspender-Gesundheitsregister wird regelmässig der Gesundheitszustand der Lebendspender prospektiv und lebenslang erfasst. Durch die regelmässigen Kontrollen der Spender konnte Gil Thiel Langzeitprobleme nach Nierenspende aufdecken und rechtzeitig intervenieren. Mit den gewonnenen Erkenntnissen seiner Analysen konnten Spender, behandelnde Ärzte und Transplantationszentren über Vorteile und Risiken der Lebendspende beraten werden.

Die Kosten für den Betrieb des Lebendspender-Gesundheitsregisters SOL-DHR finanzierte Gil Thiel mit Hilfe von Sponsoren (Labor Viollier). Seine Arbeitsleistung für das Register erbrachte er unentgeltlich.

Die Arbeit von Prof. Gil Thiel hat auch die Gesetzgebung in der Schweiz massgeblich beeinflusst, indem die Standards, die er mit SOL-DHR einführte, in die Schweizerische Gesetzgebung einflossen. Die von ihm seit 1993 freiwillig übernommene Aufgabe der periodischen Spendernachbetreuung wurde am 1. Juli 2007 ins Schweizer Transplantationsgesetz übernommen und zur gesetzlichen Pflichtleistung für die Transplantationszentren erklärt.

Im Januar 2008 wurden auch die Leberlebendspender in das Lebendspender-Gesundheitsregister aufgenommen.

Im Juni 2009 gründete Gil Thiel die Stiftung für die Nachkontrollen der Organlebendspender (SNO), in die SOL-DHR integriert wurde. Die Stiftung SNO bezweckt, die im Transplantationsgesetz vorgesehene Nachbetreuung von Organ-Lebendspendern schweizweit zu fördern und sicherzustellen.

Das Lebendspender-Gesundheitsregister betreut inzwischen 1900 Nierenlebendspender und 38 Leberlebendspender.

SOL-DHR wurde über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Delegationen aus verschiedenen Ländern besuchten Prof. Gil Thiel, um nach seinem Vorbild ein Lebendspenderregister aufzubauen.

Auf Initiative von Gil Thiel wurde 2004 der Lebendspenderverein SOLV-LN (Schweizer Organ Lebendspenderverein Leber/Niere) gegründet. Wichtig war ihm, dass sich die Spender organisieren und solidarisieren.

Prof. Gil Thiel hat im Dezember 2010 Prof. Jürg Steiger als seinen Nachfolger designiert.

Gil Thiel war eine herausragende Persönlichkeit, die mehrere Generationen von Medizinern und die Transplantationsmedizin stark geprägt hat. In seinen Vorträgen gab er sein Wissen und seine Erfahrung weiter. Die Kombination von klarer Logik, fundierten Daten, reicher Erfahrung und kluger Analyse überzeugten das Fach- und Laienpublikum.

Im Mittelpunkt seines Wirkens stand der Mensch in seiner Ganzheitlichkeit. Er begegnete Menschen mit viel Einfühlungsvermögen, Verständnis und grossem Einsatz und begleitete sie auf ihrem schwierigen Weg. Gil Thiel war immer authentisch. Er hatte einen starken Gerechtigkeitssinn, einen grossen Kampfgeist und eine unermüdliche Schaffenskraft.

Für seine Patienten war Gil Thiel der Inbegriff des Arztes. Gil Thiel war ein Grosser seines Faches und ein grossartiger Mensch.